Montag, 17. April 2017

Das Internationale Bac­calaureate Diploma als Beispiel einer vereinheit­lichten Abschlussprü­fung: Ein Erfahrungsbericht



Das Internationale Baccalaureate Diploma (IB) ist ein internationales Bildungsprogramm, das junge Menschen vor allem für englischsprachige Universi­täten vorbereitet. Es basiert auf der Förderung des unabhängigen Lernens und kritischen Verarbeitens und zielt auf die Bildung von reifen, kritisch denken­den Persönlichkeiten hin. Jährlich absolvieren rund 130'000 Schülerinnen und Schüler auf der ganzen Welt das IB Diploma. Lernende treten in der elften Klasse in das IB Programm ein und schliessen es mit den IB-Abschlussprüfungen im Mai der zwölften Klasse ab. - Da das Internationale Baccalaureate zunehmend an öffentlichen Gymnasien absolviert werden kann, wird es über kurz oder lang den immersiven Unterricht des zweisprachigen Matu­ritätslehrgangs konkurrenzieren, zumal es sich um einen Abschluss handelt, der im Unterschied zur Schweizer Matura von den meisten internationalen Universitäten anerkannt wird. Beim IB handelt es sich um einen vereinheitlichten Prüfungstyp; daher stellt sich die Frage, welche Konsequenzen sich zum Beispiel für einen Deutschlehrer ergeben, wenn er mit seinen Klassen ein Prüfungsziel erreichen muss, das er im Hinblick auf Korrektur und Prüfungsniveau nur noch bedingt mitbestimmen kann. Aus diesem Grund traf ich mich mit einem Studienkollegen der Germanistik, der seit einigen Jahren Matura und IB unterrichtet und daher beide Programme verglei­chen kann.


Das IB erlaubt den Lehrpersonen nur noch ansatzweise, individuell auf die Schülerinnen und Schüler zugeschnitte­ne Prüfungsaufgaben zu stellen. Trotzdem tendieren viele Schüler, wenn das IB angeboten wird, zu diesem Abschluss, da er von den meisten internationalen Universitäten aner­kannt wird. Zur Erlangung des IB-Diploms muss man das so genannte «IB Diploma Program» absolviert haben, was rund zwei Schuljahre dauert. Dieses «Diploma Program» entspricht der gymnasialen Oberstufe (Klasse 11 und 12). Beim IB werden den Lehrpersonen gewisse Eckpunkte vorgegeben. Die Hälfte der Noten im Fach Deutsch wird durch internal assessments erzielt. Die andere Hälfte der Prüfungen wird extern konzipiert, extern zugestellt, intern durchgeführt und wieder extern korrigiert.


Die sogenannten internal assessments werden von einem Lehrer der Heimschule bewertet. Die Resultate müssen allerdings begründet einer externen Stelle zur Moderation, einem vom IB zugewiesenen Examinor, zugestellt werden, welcher die Rechtmässigkeit der Ergebnisse überprüft. Die mündlichen Prüfungen werden von der Heimschule aufgenommen und müssen für den externen Examinor hochgeladen werden, der dann darauf zugreifen kann, um der prüfenden Lehrperson ein Feedback zu erteilen, ob er mit der rechtmässigen Bewertung einverstanden ist. Das Problem für die einzelne Lehrperson besteht nun darin, dass sie 50% der Abschlussprüfung gar nicht kennt, während sie sich bei den internen Prüfungen an standardisierte, vorgege­bene Beurteilungsraster durch das IB halten muss. Vornoten aus dem Unterricht, die der Lehrer setzt, gibt es keine.


Ein derartiger weltweiter Prüfungsmodus bedeutet für die einzelne Lehrperson der Erstsprache ein verstärktes «Tea­ching to the Test», auch wenn er bestimmte Vorgaben der extern konzipierten Abschlussprüfung kennt. So müssen Absolventen, die Deutsch als Erstsprache gewählt haben, zwischen einer Gedichtinterpretation oder einer Textstelle­ninterpretation in Form einer Kurzgeschichte wählen. Hinzu kommt ein vergleichender Essay, wobei die Kandidaten zwei literarische Werke miteinander vergleichen müssen. Die Leh­rer müssen mit den Absolventen als Prüfungsvorbereitung vier Werke gelesen und besprochen haben, wobei die Werke alle der gleichen Textsorte angehören. Die Prüfung besteht nun darin, dass die Kandidaten drei Vergleichsaspekte zur Wahl bekommen, die sie in zwei der besprochenen Texte darzulegen haben. Entsprechend sehen die Prüfungsauf­gaben im Hinblick auf den vergleichenden Essay etwa wie folgt aus: Vergleichen Sie zwei der besprochenen Werke hinsichtlich des Gebrauchs der Metaphern, der Ortsge­staltung bzw. der Erzählperspektive. In der Konsequenz müssen vorbereitende Lehrer ganz genau wissen, wie die Prüfung aufgebaut ist und was die Schüler wissen müssen. Die Urform der Prüfung müssen sie gleichsam internalisiert und verstanden haben.


Lehrer trainieren die Schüler auf bekannte, alte Prüfungs­formen, was bei Maturitätsprüfungen nicht der Fall sein kann, weil Lehrpersonen dann rasch in die Nähe des mög­lichen Betrugs geraten, zumal sie ja selber die Prüfungs­aufgaben erstellen. Der Prüfungsinhalt kann beim IB nicht verraten werden; deshalb trainiert der Lehrer in Bezug auf alte Prüfungen mehr. Was aus Sicht des Lehrers wichtig und bedeutsam ist, droht oft als nicht prüfungsrelevant unter den Tisch zu fallen oder wird von den Schülern nicht akzeptiert. Mit andern Worten geht für viele Lehrpersonen das, was man früher als Bildung bezeichnet hat, verloren. Ähnlich formuliert es Prof. Kaspar H. Spinner in seiner Rede «Der standardisierte Schüler», wenn er festhält: «Wichtige Dimensionen, die bislang in der Schule ihren Platz hatten, drohen in einem Unterricht, der nur noch das standardi­sierte Problemlösen vermittelt, vergessen zu werden (...) Die Vorstellung, dass alles in einem planbaren Zusam­menhang funktionieren soll, durchdringt von der Idee der Kompetenzstufenmodelle, in denen man von Stufe zu Stufe hinaufklettern soll, unsere Bildungsvorstellung bis zur Lern­situation des einzelnen Schülers, in der das Widerständige, das Überraschende, das Unbequeme nur noch als Anlass für die Anwendung einer Problemlösungsstrategie gesehen wird. Es zählt, was erfolgreich trainierbar ist. Angeleitetes Training ersetzt geistig selbständiges Lernen.» Nichtsdestotrotz ist dem IB zugutezuhalten, dass der Ab­schluss weltweit von allen Universitäten anerkannt ist. Da die Abschlussresultate sich zuverlässig vergleichen lassen, gelten die Noten als aussagekräftig. Wenn im IB jemand im Fach Deutsch eine Fünf erzielt, weiss die Universität, was das heisst. Kommt er hingegen von einer Zürcher Maturi­tätsschule mit einer Fünf, hat das unter Umständen für eine ausländische Universität keine Relevanz, da gewissermassen keine einheitliche Bewertung vorliegt. Auch werden Schüler beim IB weniger zu Märtyrern gewisser Steckenpferde ihrer Lehrpersonen. Weitere Vorteile sind eine gewisse Output­Steuerung. Auch liegt der Selektionsdruck nicht beim Fach­lehrer. Gleichwohl sind Erfolg und Misserfolg deutlich stärker mit dem Lehrer verknüpft. Die externe Prüfung wird indirekt zum Beurteilungskriterium für die Lehrerleistung. Solange seine externen Prüfungsresultate hoch sind, wird er nichts von der Institution, die ihn angestellt hat, zu befürchten haben. Sind seine internen Prüfungsnoten im Negativfall jedoch deutlich besser als die externen, wird er vermutlich für den Misserfolg der Schüler zur Rechenschaft gezogen. Demgegenüber werden die Maturitätsprüfungsresultate an Zürcher Gymnasien in der Regel offiziell gar nicht zur Kenntnis genommen. Auch gibt es für gewöhnlich keine Feedbacks.


Ein grosser Irrtum aller Zentralisierungsbestrebungen ist allerding der Glaube, dass sich der Arbeitsaufwand bei solchen Prüfungsformen effizienter gestalten lässt. Der Arbeitsaufwand, der für die einzelnen Lehrer anfällt, ist deutlich höher als bei traditionellen Maturaprüfungen; schliesslich lässt sich dieser nicht zentralisieren, allein schon wegen des anfallenden Papierkriegs.


Christoph Frei


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