Mittwoch, 28. Juni 2017

14 beste Schreibrezepte, die sich in meiner akademischen
Schreibpraxis bewährt haben.



„Schreiben ist die Hölle, geschrieben haben der Himmel“, lautet ein treffendes Bonmot von Sibylle Krause.

Damit sich das bei Dir nicht wiederholt, hier 14 meiner besten Schreibrezepte. 







Tipps gegen Schreibblockaden
Was hilft in einer solchen Situation? Wie schaffst Du es trotzdem Deinen Text, den Du schreiben willst und schreiben musst, fertigzustellen? Vorab: Es gibt keinen Kardinalsweg und keine Methode, die bei jedem garantiert funktioniert. Ich habe verschiedene Wege als Anregungen für Dich gesammelt und hoffe, dass darunter etwas ist, das Dir die Blockade im Kopf löst. 


1. Machen Dir einen Fahrplan. Die Kolumbusmethode - einfach losschreiben und sehen, wo man rauskommt - funktioniert nur bei den Allerwenigsten. Statt aus dem Bauch heraus zu schreiben, strukturierst Du Deinen Text und formulierst Dein Ziel. Eine Überschrift kann dabei schon helfen. Schau Dir in einem zweiten Schritt die Informationen an, die vorliegen. Was passt zu Deiner Überschrift? Nummeriere  die passenden Informationen durch. Mit dieser Reihenfolge vor Augen musst Du Dich beim Schreiben nur noch daran entlanghangeln.


2.    Wechsele den Ort, an dem Du schreibst. Du sitzt im Seminar, und die Worte wollen Dir einfach nicht einfallen. Pack den Laptop ein und wechsele den Ort. Geh in ein Café oder setz Dich einfach in den Garten. Orte können inspirierend sein, sie bringen Dich auf neue Ideen.


3.  Beginne mittendrin. Wer Probleme hat, den Einstieg zu finden oder einen guten ersten Satz, sollte sich nicht weiter damit quälen und mittendrin anfangen. Dein Gehirn arbeitet nicht linear. Wer sagt, dass die Einleitung zuerst geschrieben werden muss? Schau Dir Deine Notizen und Informationen an. Beginne mit dem Punkt, bei dem Dir auf Anhieb etwas einfällt. Dein Text wird sich wie bei einem Patchwork aus vielen einzelnen Teilen ergeben. Am Schluss kannst Du die Einzelteile immer noch miteinander verbinden und aufeinander abstimmen.


4.  Trenne das Schreiben und Redigieren. Konzentriere Dich erst einmal auf das Schreiben. Viele Schreibende machen den Fehler, immer wieder im Text zurückzuspringen und das bereits Geschriebene zu überarbeiten und umzuformulieren. Damit stören sie ihren Schreibfluss. Versuche die Zensur in Deinem Kopf, so gut es geht, auszuschalten. Schreib erst einmal alles auf, das Dir durch den Kopf geht, und überprüf erst dann das Geschriebene auf Sinnhaftigkeit und Richtigkeit.


5. Schalte alle Störfaktoren aus. Niemand kann sich konzentrieren, wenn ständig das Telefon klingelt oder das E-Mail-Programm einen auf neue Nachrichten hinweist. Schaffe Dir einen ungestörten Raum. Auch das Internet kann mit seinen Versuchungen zur Ablenkung werden. Fällt Dir nichts ein, ist die Verlockung gross,  schnell im Netz  nachzuschauen. Dadurch verzettelst Du Dich nur.


6. Mach eine kurze Pause. Dass Dir nichts einfällt, kann auch damit zusammenhängen, dass Du Dich ausgelaugt fühlst. Dein Gehirn kann nur 90 Minuten am Stück effektiv arbeiten. Danach ist erst einmal Ende. Das ist dann der richtige Moment aufzustehen und frische Luft zu schnappen. Auch Bewegung kann Deine Leistungsfähigkeit wieder auf Trab bringen. Achte allerdings darauf, die Pause zeitlich zu begrenzen und Vermeidungshandlungen keinen Raum zu geben. 


7.    Stelle wilde Assoziationen an. Wie bekommt man den richtigen Einfall? Hilf  Deinem Gedächtnis mit einem Brainstorming, einer Mind-Map oder einem Perspektivwechsel auf die Sprünge. Immer dann, wenn Du gerade ins Stocken gerätst und nicht mehr weiterkommst, bieten sich solche Methoden an, um auf neue Ideen zu kommen.


8.     Lies andere Texte. Wie schreibe ich das bloss? Häufig sucht man nach einer Formulierung und kommt nicht weiter. Dann hilft es, den Text von jemand anderem zu lesen. Es kann Dich inspirieren zu sehen, wie jemand anderes angefangen und wie er formuliert hat. Je nach Textart oder Stil hilft, sich vorab mit ein paar grossartigen Artverwandten auseinanderzusetzen. Lesen bildet nicht nur, es belebt ebenso den Geist und löst so Blockaden.


9.  Schreib Dich warm. Schreiben ist wie Musikmachen: Viele müssen sich erst einmal eingrooven. Bevor Du den eigentlichen Text schreibst, kann es helfen, einen Spontantext zu schreiben. So überwindest Du Deine Angst vor der leeren Seite. Beginne zu tippen und finde Deinen Schreibrhythmus. Wenn Du dann zu Deinem eigentlichen Text übergehst, fliessen die Worte leichter.


10.Schreibe Dich parallel. Wer viel schreibt, arbeitet in der Regel an verschiedenen Texten. Auch hier gibt es keine Regel, die besagt, dass erst ein Text abgeschlossen sein muss, bevor Du mit dem nächsten beginnen kannst. Hakt es bei dem einen Text, wechsle die Materie und widme Dich einem anderen Thema.


11.Gliedere Deinen  Text. Manchmal hilft schon, den geplanten Text in Teilabschnitte zu zerlegen, um sich einen Überblick zu verschaffen und das Ganze logisch zu gliedern. Mindmaps, aber auch lineare Listen können  dazu wunderbare Werkzeuge sein. Zwischenüberschriften aber auch. So entsteht eine Struktur, der Du nur noch folgen musst.


12.Lasse Fehler zu. Nullfehlertoleranz können sich allenfalls Götter leisten. Wer auf Anhieb den perfekten Text schreiben will, verzettelt sich unweigerlich in Details. Effekt: Der Artikel wird nie fertig und immer schlechter. Detailliebe führt nur zu einem Tunnelblick. Schreibe  lieber erst auf, was Dir und wie es Dir in den Sinn kommt. Umformulieren, korrigieren und feilen kannst Du an den Textbausteinen hinterher immer noch.


13.Diszipliniere Dich beim Schreiben. Muss ein Text fertig werden, geht es manchmal nicht anders, als Dich dazu zu zwingen,  etwas zu Papier zu bringen. Deadlines, die weit entfernt sind, verleiten oft dazu zu trödeln und abzuschweifen. Druck kann manchmal dabei helfen, sich auf die vor einem liegende Aufgabe zu fokussieren. Du legst fest, wie lange Du schreiben willst und wie lange Du maximal pausieren darfst. (Du kannst natürlich auch so lange am Tisch sitzen bleiben, bis Du das Dir vorgenommene Schreibpensum erledigt hast.)  


14.Lass Dich beraten oder schreib zusammen mit jemand anderem, weil Du Dich dann bei Deinen Schreibbemühungen weniger alleingelassen fühlst.


Dienstag, 27. Juni 2017

Wider den «Deppen-Apostroph»





Die Schweiz ist ein freies Land. Jeder kann hier sagen, was er will; er kann den Chef beleidigen oder einen rassistischen Spruch ablassen: Er muss nur mit den Folgen fertig werden; Entlassung, soziale Ächtung. Jeder kann das, was er zu sagen hat, auch ausdrücken, wie er will. Aber auch das hat Konsequenzen: Wer grammatisch falsche Sätze bildet, markiert sich als Ausländer (oder als einer, der mit der Sprache spielt. Oder als der Dichter Ernst Jandl). Wer sich geschraubt oder wolkig äussert, erntet Unverständnis oder Desinteresse, kommt jedenfalls mit seinem Anliegen nicht weit. Es ist eben nicht egal, was man sagt – und schon gar nicht, wie man es sagt.

Denn Sprache ist immer auf ein Gegenüber bezogen, auf einen Zuhörer oder Leser. Wer spricht oder schreibt, der will etwas: etwas mitteilen, erzählen, von etwas überzeugen, jemanden zu etwas bewegen. Sprache ist also Handlung, weshalb die Sprachwissenschaft auch vom «Sprechakt» spricht. Und diese Handlung hat eine Form. Um diese Form geht es der Sprachkritik.


Sprachkritik, Sprachpflege – das klingt vorgestrig und verstaubt, nach einer Beschäftigung für Spezialisten, Pedanten, Beckmesser. Sind wir nicht freie Menschen und reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist? Verändert sich nicht die Sprache, strotzen nicht unsere SMS von Abkürzungen, Dialektwörtern und Privatwendungen, bei denen sich dem Duden die Haare sträubten, wenn er welche hätte? 





Die Gämse: Sprache als Streitfall 
Irrtum: Wenn wir «LOL» oder «Schnügel bisch de Bescht» schreiben, wenn wir dem Kollegen ein saloppes «Hoi» hinwerfen, dem Chef oder Kunden aber ein «Grüezi, Herr Direkter», zeigen wir Sprachbewusstsein, ohne dass es uns bewusst ist. Erweisen wir uns als Kenner und Anwender von Regeln, Registern, Stilebenen, aber auch der kreativen Möglichkeiten, die Sprache bietet.

Das geschieht meistens unwillkürlich. Aber immer wieder kommt Sprache auch zum Bewusstsein, wird gar zum Streitfall. So hat etwa die Rechtschreibreform über Jahre Emotionen geweckt, die in keinem Verhältnis zur Sache, also den vergleichsweise geringen Veränderungen standen; aber ob man ein gewisses Alpentier mit e oder ä schreibt, rührte offenbar bei vielen an Existenzielles. Das sprachliche «Gender mainstreaming» wiederum, das es bis zu einem über 100-seitigen Behördenleitfaden gebracht hat, zeigt, dass manche dem richtigen Sprachgebrauch eine gesellschaftsverändernde Kraft zutrauen: über die geschlechtergerechte Sprache zur geschlechtergerechten Welt.


Auch wer da skeptisch bleibt: Niemand wird bezweifeln, dass wir mit unserem Deutsch über ein grossartiges Instrument verfügen, das vom Ein-Wort-Fluch bis zu Kants «Kritiken» und dem «Zauberberg» alles ausdrücken kann, was ein menschliches Gehirn zu erdenken vermag. Ein so komplexes Instrument, dass auch die beste Software ihr (noch) nicht gewachsen ist – wie die kläglichen Versuche zeigen, anspruchsvolle Texte maschinell zu übersetzen.


Kein lebender Sprecher kann von sich behaupten, dieses Instrument perfekt zu beherrschen. Die Sprache ist voller Fallstricke, voller Zweifels- und Ermessensfragen. Auch Zeitungsredaktoren, für die das richtige Deutsch quasi die Berufskleidung darstellt, greifen immer wieder zum Duden (und haben das, dies nebenbei, vor der Rechtschreibreform nicht weniger getan). Auch grosse Schriftsteller, davon erzählen Lektoren hinter vorgehaltener Hand, schreiben durchaus kein fehlerloses Deutsch.




Den unterschwelligen Botschaften auf der Spur
Aber Sprachkritik geht ja über die Frage «richtig» oder «falsch», über Orthografie und Grammatik weit hinaus. Dass das Partizip Perfekt von «winken» korrekt «gewinkt» heisst und nicht «gewunken»; dass «gedenken» den Genitiv verlangt (wir haben seiner gedacht, nicht ihm): Darüber muss man nicht lange diskutieren.


Diskutabel und spannend für den Sprachbewussten sind eher Entwicklungen und Phänomene grundsätzlicher Art. Das Eindringen englischer Ausdrücke in den deutschen Sprachkörper etwa. Wobei die benutzten Formulierungen «Eindringen» und «Sprachkörper» bereits unterschwellige Wertungen mit sich tragen: als sei die deutsche Sprache ein Körper, der von Anglizismen heimgesucht, ja vergewaltigt wird. Mit diesen Formulierungen wollte ich zeigen, wie schnell Sprachbilder Ideologie transportieren. Solche unterschwelligen Botschaften zu erkennen und zu demaskieren: Auch das ist Aufgabe der Sprachkritik.


Aber wie halten wir es nun mit dem Englischen? Kein Fremdwort, auch kein englischer Ausdruck, ist per se (das ist wiederum ein Latinismus), also an sich schlecht. Viele sind unumgänglich, weil es kein entsprechendes deutsches Wort gibt oder eine Verdeutschung umständlich bis lächerlich wäre. Oder weil sich der englische Terminus in breiten Kreisen durchgesetzt hat: «Hardware» wäre so ein Fall. Andere sind verzichtbar, werden aber benutzt, weil der Sprecher als smarter Zeitgenosse dastehen will, der sich in unserer anglisierten Welt auskennt: «performance» zum Beispiel. Häufen sich die Anglizismen, wird die Äusserung zum hippen Kauderwelsch. Die Beispiele kennen Sie alle.


Wer Anglizismen generell ablehnt, schreibt sich aus der Sprachgemeinschaft seiner Gegenwart hinaus. Eine moderne Sprachkritik erkennt die gesellschaftlichen Grundlagen des sprachlichen Phänomens und fragt im Einzelfall, ob der englische Begriff sinnvoll, reizvoll, unumgänglich, überflüssig oder ärgerlich ist.





Der Deppen-Apostroph
Sprachkritik wertet also. Das unterscheidet sie von der Sprachwissenschaft, die lediglich beobachtet. «Fehler und Fehlentwicklungen gibt es in der Sprache nicht», schreibt der Sprachwissenschaftler Peter von Polenz. Am sogenannten Deppen-Apostroph («Otto’s Café») würde einen Linguisten nur interessieren, wo und wie oft er auftaucht. Der Sprachkritiker dagegen wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass das Genitiv-s im Deutschen, anders als im Englischen, keinen Apostroph bekommt, also richtig: «Ottos Café». (Während des Ersten Weltkrieges nahmen Cafébesitzer in Wien den Accent aigu vom e, um nicht als Franzosenfreunde zu gelten.) Der Deppen-Apostroph ist ein Fall der gedankenlosen Übernahme aus dem Englischen, mit fatalen Folgen, etwa der Absurdität, ihn auch vor das Plural-s zu setzen: «Pizza’s zum halben Preis».


Sprache entwickelt sich: Mit dem Satz versuchen liberale Geister (oder bloss schlampige Sprecher) jedes neue Phänomen zu rechtfertigen. Der Sprachkritiker wendet sich gegen diesen Egalismus und fragt, ob die Entwicklung, das Aufkommen neuer Ausdrücke, der Sprache guttut oder nicht. Er fragt, ob es sich bloss um eine Mode handelt – wie «mega» als verstärkendes Adverb oder «Alter» als Passepartout-Anrede –, die irgendwann von einer anderen abgelöst wird, oder um eine Eintagsfliege aus der Werbung, die bewusst gegen Regeln verstösst («Hier werden Sie geholfen»). Derartiges ist höchstens kurios.

Anders, wenn sich Unschönes verbreitet und verfestigt – zum Schlechteren. «Weil» plus Hauptsatz wäre so ein Fall: «Ich konnte gestern nicht kommen, weil ich war krank.» Der Sprecher dieses Satzes wird zwar verstanden, aber er markiert sich dadurch auch: als Ignorant oder als Sprachschlamper. «Weil» verlangt die Nebensatzstellung («weil ich krank war»), wer unbedingt einen Hauptsatz anschliessen will, kann auf die Konjunktion «denn» zurückgreifen.

Wenn sich solche Schlamperei verbreitet, gar durchsetzt (und irgendwann im Duden toleriert wird), dann ist das kein Weltuntergang. Aber es beschädigt das komplizierte Regelwerk der Sprache, es klingt für ein sensibles Ohr wie ein Nagel, der eine Glasfläche zerkratzt, und es zeugt von schwindendem Sprachbewusstsein.


Sprachbewusstsein zu stärken: Das ist das eigentliche Anliegen der Sprachkritik. Deshalb soll sie auch nicht diktatorisch oder kathederstreng auftreten. Die Sprache ist kein Gesetzbuch mit Ordnungs- oder Haftstrafen, die bei Übertretungen verhängt werden. Sie ist aber auch kein Tummelplatz der Beliebigkeit. Der Sprachkritiker erinnert daran, welche Regeln absolut gelten – das bezieht sich auf Sprache als System, auf «langue» –, und was am konkreten Sprachgebrauch – der «parole», wie es die Linguisten nennen – jeweils zu beanstanden ist. Sprachkritik will nicht dekretieren, sondern überzeugen: dass der klare Ausdruck dem obskuren vorzuziehen ist, das Geradlinige dem Verschwurbelten, das Elegante dem Umständlichen, die Originalität dem ausgetretenen Pfad, die persönliche Prägung der Banalität des Gemeinplatzes.






Politische Sprachlenkung

Nun ist der Sprachkritiker ein Subjekt, keine Behörde, weder gewählt noch ernannt; sein Vorgehen ist oft subjektiv. Er muss auf die Überzeugungskraft seiner Darlegungen setzen. Aber er hat Kriterien, und er hat Gewissheiten. Eine davon ist die, dass man über «parole» streiten, die «langue» aber nicht antasten darf (Ausnahmen, wie zu künstlerischen Zwecken, bestätigen die Regel). Eine andere, dass eine politisch motivierte Sprachlenkung weder der Sprache noch der Politik dient. Dies zielt – und wird sicher heftigen Widerspruch erregen – auf all die Versuche, die Benachteiligung der Frauen in der Gesellschaft durch die Einführung von Kunstformen wie dem Binnen-I oder dem Sternchen zu beheben (ProfessorInnen, Professor*). Ebenso fragwürdig erscheinen ihm ­Euphemismen wie «Raumpflegerinnen» – diese sprachliche Beförderung hat noch keiner Putzfrau mehr Geld in die Tasche gespült. 

Auch ist der Sprachkritiker nach wie vor davon überzeugt, dass das «generische Maskulinum» in Pluralformen (die Wähler) verwendet werden kann, ohne damit die Wählerinnen auszuschliessen oder abzuwerten. (Immerhin ist der Plural-Artikel immer weiblich, auch für Männer.) Andererseits kann es nicht schaden, sich unbewusst verwendeter männlicher Formen («der Leser», wenn ganz allgemein das Lesepublikum gemeint ist) bewusst zu werden und sie zu vermeiden. Deshalb ist «der Sprachkritiker» keine ideale Formulierung; zur Entschuldigung kann vorgebracht werden, dass hier der Autor des Textes gemeint ist: ein Mann. Und der beobachtet und kritisiert natürlich auch den eigenen Sprachgebrauch.

Martin Ebel
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.05.2017, 00:26 Uhr

Mein dritter bester Sprachtipp für bessere Texte
Der Apostroph


Wo ein Apostroph gesetzt werden kann:
Der Apostroph kann dort gesetzt werden, wo das Pronomen "es" zu "s" verkürzt ist:
Wie geht's? Nimm's leicht! Hat's geschmeckt? Hat er's kapiert? Sag's mir! So steht's geschrieben.
Seit  der Zulassung der Rechtschreibreform gilt hier der Apostroph als entbehrlich, man darf daher auch schreiben:
Wie gehts? Nimms leicht! Hats geschmeckt? Hat ers kapiert? Sags mir! So stehts geschrieben.
Der Apostroph kann dort gesetzt werden, wo jemand ein Geschäft eröffnen und dazu ein Schild mit Genitiv anbringen will (aber nur dann):
Bellini's Bar; Gustav’s Grillstation; Willi's Weinkontor


Wo ein Apostroph nicht gesetzt werden darf:
Der Apostroph wird nicht gesetzt bei Verschmelzung von bestimmtem Artikel und vorangehender Präposition:
aufs Dach, unters Bett, ins Haus, hinterm Deich, unterm Tisch, beim Essen, vorm Tor, fürs Kind
Absolut fehl am Platz ist der Apostroph beim Plural-s:
Autos, Babys, Clubs, Dias, E-Mails, Parks, Ponys, Singles, Taxis, Tees, Videos, Zoos
Dasselbe gilt für Abkürzungen, die im Plural stehen.
meine CDs, deine DVDs, die GmbHs, alte LPs


Wo ein Apostroph gesetzt werden muss:
Bei Auslassungen im Wortinneren:
Ku'damm, M'gladbach, Lu'hafen, D'dorf
Bei der Kennzeichnung des Genitivs von Namen, die auf s, ss, ß, tz, z und x auslauten. Der Apostroph ersetzt hier das Genitiv-s:
Hans' Mutter, Max' Cousine, Grass' Romane, Ringelnatz' Gedichte
Dies gilt aber nicht, wenn vor dem Namen ein bestimmter Artikel steht:
die Mutter des alten Hans, die Cousine des strammen Max, die Romane des Günter Grass, die Gedichte des Joachim Ringelnatz


Merke wohl:
Ich habe früher in der Schule gelernt, den Apostroph für einen wegfallenden Buchstaben als „Grabstein“ zu bezeichnen.


Mein zweiter bester Sprachtipp für bessere Texte
Die Apposition


Ap­po­si­ti­on, die
Wortart:  Substantiv, feminin
Worttrennung: Ap|po|si|ti|on

Appositionen sind substantivisch nähere Bestimmungen, die im gleichen Fall stehen wie die Substantive oder Pronomen, zu denen sie gehören. Im Grunde sind Appositionen nachträgliche Präzisierungen, die Relativsätze ersetzen und durch Komma abgetrennt werden.

Abgesehen von der Zeichensetzung, handel es sich bei Appositionen somit in erster Linie um ein Stilmittel.
Beispiel:
Statt zu schreiben
„Herr Müller, der unser Deutschlehrer ist, kommt heute zu spät in den Unterricht.“
kann  man sich eleganter ausdrücken, indem man sich einer Apposition bedient und den Sachverhalt wie folgt zum Ausdruck bringt:
„Herr Müller, unser Deutschlehrer, kommt heute zu spät in den Unterricht.“

Statt zu schreiben
„Zürich, die Stadt, die im Sommer von vielen Touristen besucht wird, liegt an einem See.“
kann ich mich eleganter ausdrücken, indem ich den Sachverhalt über Appositionen zum Ausdruck bringe:
„Die Stadt Zürich, im Sommer von vielen Touristen besucht, liegt an einem See."
  
Deutlicher zeigen sich die Vorzüge des Stilmittels Apposition, wenn man den folgenden Satz betrachtet:
„Panta rhei bedeutet ‚alles fliesst.‘ Es handelt sich dabei um einen auf den griechischen Philosophen Heraklit zurückzuführenden Aphorismus, der zur Kennzeichnung seiner Lehre dient, dass niemand zweimal in denselben Fluss steigt.“
Umformuliert mit Apposition lautet der Satz:
„Panta reih, alles fliesst, ein auf Heraklit zurüchgeführter Aphorismus zur Kennzeichnung seiner Lehre, der zufolge niemand zweimal in denselben Fluss steigt."

Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass die Apposition als Stilmittel wesentlich zur Verdichtung des sprachlichen Ausdrucks beiträgt.

Sonntag, 25. Juni 2017

Wer fährt wie und warum ein gutes Arbeitszeitmodell an die Wand


 



Und erstens kommt es anders …
Im für uns massgeblichen Mittelschulgesetz findet sich in § 11 Abs. 1 ein umfassendes Pflichtenheft für Mittelschullehrpersonen. „Zu den Pflichten der Lehrperson gehören insbesondere das Unterrichten der ihr anvertrauten Klassen und Gruppen gemäss Bildungsziel und Leitbild der Schule, die Beurteilung der Leistung und die Betreuung der Schülerinnen und Schüler, Elternkontakte, die Teilnahme an schulischen Veranstaltungen, die Übernahme zusätzlicher Funktionen und Aufgaben im Rahmen des Schulbetriebs und der Schulentwicklung sowie die Zusammenarbeit mit der Schulleitung und dem Lehrerkollegium.“ Beim Pflichtenheft differenziert das Gesetz nicht nach Anstellungskategorien. Eine definierte Begrenzung der Arbeitspflicht fehlt im Gesetz. Mögliche Entlastungen und Entschädigungen werden nicht erwähnt. Die Bestimmungen in § 4 der Mittelschul- und Berufsschullehrerverordnung (MBVO) sind hierzu etwas präziser. „Mittel- und Berufsschullehrpersonen mbA übernehmen im Rahmen der Klassen- und Schulführung sowie der Schulverwaltung zusätzliche Aufgaben, wobei in der Regel ein Beschäftigungsgrad von mindestens 50% vorausgesetzt wird.“ Der Wille des Gesetzgebers ist in diesem Zusammenhang unmissverständlich. Zusätzliche Aufgaben werden von den MLP mbA übernommen. Die Erfüllung von Zusatzaufgaben wird grundsätzlich pauschal abgegolten. Sie beinhalten Tätigkeiten, die nicht im Grundauftrag enthalten sind und von der Schulleitung an einzelne Lehrpersonen je nach deren Fähigkeiten und Präferenzen zugewiesen werden. Zum Zusatzauftrag gehören Arbeitswochen, Exkursionen,  die Betreuung von Maturitätsarbeiten, Klassenlehrerstunden und Klassenlehrerfunktionen, die Betreuung von Sammlungen, die Organisation und Ausarbeitung des Stundenplans, die schulinterne Leitung von Projekten, aber auch die  Organisation von Anlässen, das  Konventspräsidium sowie die Erteilung von Wahlpflichtfächern und die Übernahme von Mentoraten. Das Problem, welches sich hieraus ableitet, ist das Faktum, dass Lehrpersonen mit einem 100% Pensum ja nicht mehr als vollbeschäftigt angestellt werden können, was zur Folge hatte, dass diese sich die aus den Zusatzaufgaben ergebenden Mehrbelastungen auf ihrem Stundenkonto gutschrieben liessen und bei einem positiven Saldo diesen in Form von Entlastung oder Entschädigung wieder auf null zurückführten. Ganz im Sinne von „Einmal Arbeitszeit abheben, bitte!“ bezog man einen längeren Sonderurlaub zu Weiterbildungszwecken, ein Sabbatical eben, oder man liess sich die angesparten Überstunden direkt auf sein Salärkonto auszahlen, um den Betrag zum Beispiel in die Pensionskasse einzuschiessen, damit man ihn nicht zu versteuern hatte.








 … und zweitens als man denkt
Entscheidend wurde das Thema „Einmal Arbeitszeit abheben“ anlässlich der Generalversammlung 2010. Diese beauftragte den Vorstand, einen Musterprozess zu finanzieren, welcher klären sollte, ob die massiven Ferienabzüge, welche die Bildungsdirektion auf Auszahlungen von Überschüssen auf dem Kontokorrent machte, rechtens seien. Die Frage wurde in der Folge vom Verwaltungsgericht zugunsten der Kläger entschieden. Genauer: Das Verwaltungsgericht hat im Hinblick auf die vom MVZ vorgetragene Klage bezüglich der Ausbezahlung von Überstunden entschieden, dass Überschüsse statt mit 40/52 mit 48/52 auszubezahlen sind, da Mittelschullehrpersonen nur 4 Wochen Ferien im Jahr beziehen; der Rest ist unterrichtsfreie Zeit. - Für den MVZ eine wichtige Klarstellung und ein wesentlicher Schritt  in die Zukunft. Freilich wurde von den meisten zu wenig bedacht, dass bei der Abarbeitung der Klage deutlich wurde, wie gross, ja exzessiv die angesparten Überschüsse bei manchen Kolleginnen und Kollegen waren. Was manche Mittelschullehrpersonen mittlerweile perfekt beherrschen ist Jammern und Klönen. Sie Klönen und Jammern, weil sie mit der Arbeitsüberlastung an Grenzen stossen und ständig überlastet sind. Allem Anschein zum Trotz scheinen sich manche unserer Berufsvertreter allerdings  recht gut in dieser dauernden Überbelastung eingerichtet zu haben. Wie anders lässt es sich erklären, wenn plötzlich Stundenkonti mit Überschüssen von bis zu 20 Jahresstunden ans Tageslicht gezerrt wurden. Einmal Arbeitszeit abheben und für ein ganzes Schuljahr unbezahlten Urlaub einziehen, klingt fast zu gut, um wahr zu sein.


Exzess und Zügellosigkeit, es dauerte nicht lange, riefen Politiker auf den Plan, die dem schändlichen Treiben einen Riegel schieben wollten. Lorenz Habicher (SVP, Zürich), Hans-Peter Amrein (SVP, Küsnacht) und Jürg Sulser (SVP, Otelfingen) beauftragen am 18. März 2013 mit einem Postulat den Regierungsrat darzulegen, wie die bestehende Mehrarbeitszeit, Überstunden, Ferienguthaben und Dienstaltersgeschenke, inklusive der dafür vorhandenen Rückstellungen, je Leistungsgruppe bis Ende der laufenden KEF-Periode 2013-16 um mindestens einen Drittel reduziert werden können. Im Wortlaut wird der politische Vorstoss folgendermassen begründet: „Mit der Beantwortung der Anfrage KR-Nr. 359/2012 wurden die Daten der aktiven Anstellungsverhältnisse per Ende 2012 dargelegt. Die Summe der Rückstellungen in den Direktionen und der Staatskanzlei beläuft sich demnach auf über 115 Mio. Franken. Es zeugt von einer schwachen Personalführung der Regierung, dass sich eine entsprechende Altlast anhäufen konnte, ohne dass konkrete Gegenmassnahmen ersichtlich sind. In seinem Bericht soll der Regierungsrat Möglichkeiten und konkrete Umsetzungsmassnahmen darlegen, wie das gesteckte Ziel einer nachhaltigen Reduktion erreicht werden kann.“


Im Beschluss des Kantonsrates zum Postulat KR-Nr. 86/2013 betreffend der Reduktion geleisteter Mehrarbeitszeit und Abbau der damit verbundenen Rückstellungen ist zu lesen, dass rund  70% aller Rückstellungen für Zeitguthaben auf den Konten für Lehrpersonen in Mittel- und Berufsfachschulen eingestellt werden. „Die geltende, mit Verfügung der Bildungsdirektion festgelegte Regelung“, heisst es wörtlich, „erlaubt eine Abweichung von den vereinbarten Lektionen um höchstens drei Jahreslektionen je fest angestellte Lehrperson. Die Kompensation von zu wenig geleisteten Lektionen oder der Abbau von mehr erbrachten Lektionen erfolgt mittelfristig (…) Um den Bestand der Rückstellungen für Stundenkonti um einen Drittel bzw. 18,4 Mio. Franken zu senken, wird die Bildungsdirektion die höchstens erlaubten drei Jahreslektionen auf zwei senken sowie allenfalls zusätzliche Abbaupläne vorsehen. Für die Umsetzung der Massnahme sind drei Jahre vorzusehen.“






Das Ende vom Lied
Das Ende vom Lied, wir kennen es alle, ist ein Schreiben der Schulleitungen, das in dieser oder ähnlicher Form wohl an den meisten Zürcher Mittelschulen im Oktober und November 2015 die Lehrerschaft erreicht hat: Wir sind verpflichtet, mit den Lehrpersonen, die einen Saldo von über sechs Jahresstunden aufweisen, einen Abbauplan über zwei Jahre zu vereinbaren. Möglich ist der Abbau durch weniger Unterricht bei gleicher Auszahlung, durch Urlaub, durch Einmalauszahlungen aus dem Stundenkonto und bei Teilzeitern durch Erhöhung der Auszahlung. Neben der individuellen Vorgabe darf das Mittel aller Konti der unbefristet angestellten Lehrpersonen drei Jahresstunden nicht übersteigen. 


Leider beinhaltet eine neue Weisung der Bildungsdirektion in Zukunft eine deutlich verschärfte Stundenkontoregelung. So darf das Mittel der Konti über alle unbefristet angestellten Lehrpersonen nur noch 2 Jahresstunden betragen, wobei als zusätzliche Verschärfung bei der Berechnung neu auch die Beschäftigungsgrade der Lehrpersonen berücksichtigt werden müssen. Auch für die Festlegung des Maximums wird neu der Beschäftigungsgrad mit einbezogen: Die maximal zulässigen 6 Jahresstunden reduzieren sich proportional zum Beschäftigungsgrad. Die Schulleitung ist deshalb gezwungen, die Stundenkonti, dem Beschäftigungsgrad angepasst, weiter zu reduzieren bzw. sie entsprechend tief zu halten. Die Anpassung an die neue Regelung muss bis Ende Schuljahr 2018/19 vollzogen sein.


Für Vollzeitangestellte besagt dies im Klartext, dass künftig nur noch 6 Jahresstunden angespart werden dürfen, wodurch ein halbjähriges Sabbatical, etwa um einen an der Hochschule angebotenen Weiterbildungskurs zu besuchen, praktisch verunmöglicht wird. Wer zu 50 % angestellt ist, kann sich noch immer eine Auszeit gönnen, doch kommt er mit den angesparten 3 Jahresstunden nicht besonders weit, um mal auszusteigen und Luft zu holen.


Natürlich geht es dabei um mehr als um ein einzelnes Sabbatical, bei dem die überarbeitete Lehrperson für drei Monate den Jakobsweg abschreitet und voller Tatendrang wieder an die Schule zurückkehrt. Im Laufe des Lebens haben Menschen zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Bedürfnisse. Ein junger Berufsanfänger ohne Familie hat vielleicht kein Problem damit, sein Stundenkonto zu überziehen; junge Väter und Mütter hingegen würden vielleicht gern ein paar Jahre lang nur 70 oder 80 % arbeiten. Sind die Kinder größer, ist wieder mehr Zeit für die Arbeit – bis die eigenen Eltern hilfsbedürftig werden und mehr Aufmerksamkeit verlangen. Die Erwerbszeit an diese Lebensphasen anzupassen, ohne in Auszeiten auf das Gehalt verzichten zu müssen, ist nicht nur für Lehrpersonen eine attraktive Vorstellung. Dass die Idee, sich längerfristig Zeit anzusparen, scheiterte, ist, so besehen,  mit Sicherheit keine Attraktivitätssteigerung des Arbeitsplatzes Mittelschule.  



Christoph Frei, MVZ-Aktuar