Sonntag, 16. April 2017


Lehrplan 21 unter der Lupe II





Wer den Umgang mit Leistungstests implementieren will, muss eine akzeptable Umsetzung ausweisen und erfahrbar machen, wo die Vorteile liegen. Ausserdem muss mittels klarer Aussagen die schulpolitische Absicht klargestellt werden, damit keine Missverständnisse aufkommen, was mit den Leistungstests bezweckt wird und vor allem, was nicht. Natürlich ist auch hier die Erfolgsbedingung, dass die Nützlichkeitserwartungen zu erfüllen sind, ohne die Ressourcen der Schule über Gebühr zu strapazieren.

Aber es gibt noch eine andere Bedingung: Werden die institutionellen Bedingungen vernachlässigt, versanden alle Appelle an die einzelnen Lehrkräfte. Klassengrössen sowie die Anzahl der von einer Lehrkraft zu erteilenden Unterrichtsstunden, aber auch der Korrekturaufwand sind harte Fakten, die jede weitergehende Form von institutioneller Förderung zunächst einmal begrenzen. Die gegebenen Umstände erlauben nicht mehr, wenn die Rahmenbedingungen gleichbleiben. Wenn nicht mehr geschieht, als an die Lehrkräfte zu appellieren, finden die guten Absichten des Förderns schnell ihre Grenze dort, wo die täglichen Belastungen eine Mehrarbeit ausschliessen. An sich lohnende Vorhaben, die jedoch zusätzliche Anstrengungen erfordern, werden dann nicht realisiert, zumal sich die Arbeitszeit nicht beliebig ausweiten lässt. Gibt es keine Ressourcen, erscheint jede Förderkultur als nebensächlich oder nicht praktikabel. Lehrpersonen verstehen den Unterricht als ihr Kerngeschäft, er hat Vorrang und was im Blick darauf keinen Platz findet, findet allenfalls Beachtung, wird aber nicht bearbeitet.

Die tatsächlichen Handlungsfelder für die Implementierung von Bildungsstandards sind somit begrenzt. Eine Reform der Mittelschullehrerausbildung in Richtung Standards würde Jahre dauern und hat keine wirklichen Erfolgsaussichten. Und selbst wenn die Standards der Lehrerbildung sich verbessern liessen, indem die Universitäten auf die Forderung nach mehr Praxisbezug reagierten, wären allein die Standards der Lehrerbildung verbessert. Die Bildungsstandards der einzelnen Schulen sowie der Unterrichtsfächer sind davon noch gar nicht berührt. Realistischerweise erweisen sich so die Bemühungen, Kompetenzmodelle und Bildungsstandards zu realisieren, als doch eher illusorisch, solange es nicht gelingt, die Akteure davon zu überzeugen, dass sich nach einer Weile ein für sie ersichtlicher Erfolg einstellt. Reformen lassen sich eben nicht einfach administrieren, solange sich das komplexe Spannungsfeld zwischen Schulpraxis, Fachdidaktik und Testtheorie nicht auflöst. Schliesslich sei noch auf einem weiteren unschönen Sachverhalt verwiesen, der die Reduktion des Bildungskonzepts auf Ausbildungsziele unter dem Gesichtspunkt ihrer Messbarkeit zur Folge hat. Standards trainieren und mit vordefinierten Prüfungen testen, kann jeder. Das führt naturgemäss zu einer Entprofessionalisierung des Lehrerberufs und diese zu sinkende Bildungsqualität. Standards im heute geltenden Sinn des Wortes sind im Gegensatz zu traditionellen Lernzielen Output orientiert. Sie legen fest, was die Lernenden am Schluss ihrer Schulzeit können sollen. Zudem werden sie zentral festgelegt und für möglichst viele Schulen für verbindlich erklärt. Sie sind also 'top down' orientiert. Ausserdem werden sie nicht mehr von Lehrkräften formuliert, sondern von Beamten der Bildungsbürokratie. Im Unterschied zu Lernzielen sind Standards von der Art ihrer Messung her definiert. Bildungsziele, die primär keinen Ausbildungscharakter aufweisen, sind, wenn überhaupt, nur sehr schwer messbar. Ästhetisches Bewusstsein, Kommunikationsfähigkeit oder soziale Aufmerksamkeit lassen sich so wenig über Kompetenzmodelle erfassen wie Empathie gegenüber fremden Menschen und Kulturen. Möglich, dass in diesem Zusammenhang sogar gilt, je pädagogisch sinnvoller, desto schwieriger messbar, je einfacher messbar, desto pädagogisch sinnloser. Pointiert formuliert wird diese Vermutung im berühmten, oft zitierten Ausspruch: «Bildung ist das, was übrigbleibt, wenn man alles Gelernte wieder vergessen hat.»

Christoph Frei

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