Dienstag, 6. Juni 2017

Maturitätsprüfung 




DEUTSCH-AUFSATZ



1) Generation Selfie
Die Kritik an der Jugend ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. So soll schon der griechische Philosoph Sokrates (ca. 469-399 v. Chr.) gesagt haben: «Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte.»
Gemäss der Sendung Forum von SRF (12.11.2016) gilt die Jugend heute als zu langweilig und zu angepasst; sie sei wenig kämpferisch, ich-bezogen und interessiere sich nur für einen möglichst optimalen Lebenslauf. Gut sei für die Jungen von heute das, was im Moment und bezogen auf das engere Beziehungsumfeld gut ankomme.

Nehmen Sie in Form einer Erörterung Stellung zu diesem Befund. Äussern sie sich zuerst generell zur jahrtausendealten Kritik der «Alten» an der Jugend. Zeichnen Sie dann ein differenziertes Bild der heutigen Jugend, indem Sie auf die oben genannten Vorwürfe an Ihre Generation eingehen. Setzen Sie dabei eigene Schwerpunkte und beziehen Sie ihre eigenen Erfahrungen als Jugendliche in Ihre Überlegungen mit ein.



2) Mensch und Maschine
Längst spielen «Maschinen» in vielen Bereichen unseres Alltags eine zentrale Rolle. Und es wird nicht mehr allzu lange dauern, bis die Regale im Supermarkt ganz selbstverständlich von Robotern aufgefüllt werden und computergesteuerte Autos auf den Strassen unterwegs sind. - Nehmen Sie, wenn Sie mögen, die folgende Aussage des ehemaligen russischen Schachweltmeisters Gary Kasparov als Anregung. Anlässlich einer Schachpartie gegen den Computer Deep Blue, dem ersten Duell zwischen Mensch und Schachcomputer, sagte der Weltmeister 1997: «Ein Sieg von Deep Blue wäre ein wichtiger, erschreckender Meilenstein in der Geschichte der Menschheit. Zukünftige Generationen werden sich daran erinnern und sagen: Das war der Moment, als eine Maschine auf rein intellektuellem Gebiet erstmals stärker war als ein Mensch. Ich (...) versuche lediglich, diesen Moment etwas hinauszuschieben.» (Quelle: Focus, Mai 2017)

Machen Sie sich grundsätzliche Gedanken zum Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. Setzen Sie dabei eigene inhaltliche Schwerpunkte und führen Sie ihre Gedanken zu einem Resultat.



3) Männer haben keine Zukunft
Die Emanzipationsverlierer sind heute Jungen und Männer. Die Entwicklung der Wirtschaft tendiert seit geraumer Zeit in Richtung des „weiblichen“ Dienstleistungsgewerbes und zur sukzessiven Schrumpfung der „männlichen“ Industriearbeit. Dementsprechend steigt die weibliche Erwerbstätigkeit, während die männliche ebenso kontinuierlich abnimmt. Seit einigen Jahren ist die männliche Arbeitslosenquote höher als die weibliche. Das alimentiert nicht gerade die Zukunftsperspektive der nachwachsenden männlichen Generation, ebenso wenig wie der immer wieder kolportierte Slogan „Die Zukunft ist weiblich“. Männer sind aber nicht nur die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt, sondern bereits dort, wo in Schulen und bei der Ausbildung auf die späteren Berufsqualifikationen vorbereitet wird. Ihre Bedürfnisse werden zunehmend ignoriert, ihre Leistungen werden schlechter benotet, ihre Versetzungen in höhere Schulstufen oder Klassen erschwert. Schulversager, Schulabbrecher, Schulschwänzer sind heute fast ausschliesslich männlich. Die Philosophin Christina Hoff Sommers, selber Feministin, spricht in ihrem gleichnamigen Buch vom „Krieg gegen die Jungen“. Das mag übertrieben sein, aber Tatbestand ist, dass Jungen in Kindergärten, Horten, Ganztagseinrichtungen, Schulen und Beratungsinstanzen ständig an weibliche Verhaltensmuster und Grenzsetzungen stossen.

Machen Sie sich in einem substanziellen und differenzierten Text Gedanken über die oben skizzierte Entwicklung und ihre Hintergründe. Beschäftigen Sie sich insbesondere mit den Begriffen «Männlichkeit» und «Weiblichkeit» und setzen Sie sie sinnhaft zueinander in Beziehung. Stimmt es tatsächlich, dass «Männlichkeit» eine Idee von gestern ist?



4) Sport und Kommerz
Im Grunde war schon lange präsent, was jetzt so deutlich wird. Die Kommerzialisierung hat einen großen Sprung nach vorn getan, das Starsystem ist prägnanter geworden, das Phänomen der männlichen Hysterie à la Beckham hat sich weiter entfaltet, die Prominenz-Maschinerie hat das Phänomen "Spielerfrau" lanciert, der Arena-Hooliganismus hat sich an die Regeln der Spektakel-Gesellschaft angepasst und so weiter. Kurzum, Korruption und Normalität sind eins geworden. Was mich frappiert, ist die Grosszügigkeit seitens der Zuschauer, die nichts dabei finden, junge Männer in die Sphäre von zweistelligen Millionengehältern davonschweben zu lassen, und das ohne jedes Ressentiment. Dass man Sportlern Einkünfte gönnt, die denen von Oligarchen entsprechen – ist das nicht merkwürdig? Wären es Unternehmer, würde man sie Ausbeuter nennen. Spieler-Millionäre hingegen dürfen durchweg mit Bewunderung rechnen. Man will einfach denken, sie hätten es "verdient". Warum? Vielleicht, weil sie den intensivsten Traum von Menschen unserer Hemisphäre erfüllen: reich und berühmt werden, indem man tut, was man am besten kann. Überbelohnung ist der erste Schritt zur Korruption. Der Steuerbetrug gehört zu den fast unvermeidlichen Kollateralschäden der Überbelohnung. Peter Sloterdijk in: Die ZEIT vom 5. März 2017


Setzen Sie sich mit der provokativen Aussage des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk in Form eines Erörterungsaufsatzes auseinander und beziehen Sie begründet Position. Stimmt es tatsächlich, dass eine ausgeprägte Kommerzialisierung den Sport im Allgemeinen und den Fussball im Besondern in Verruf gebracht hat? Ist durch den heutigen allgemeinen Siegeszwang der Sport strukturell schmutzig geworden, da die Beteiligten die Maxime anwenden: „Dem Sieg ist es egal, wie du ihn erlangt hast.“? Oder gilt für Sie als Absolventinnen und Absolventen des Kunst- und Sportgymnasiums nach wie vor der Grundsatz, dass mitzumachen wichtiger ist, als zu gewinnen?



5) Der Schweizer Traum
Der amerikanische Traum ist der nach dem grösstmöglichen Erfolg aus dem Nichts heraus. Am besten berühmt sein dafür, wie reich man ist, oder reich werden, weil man berühmt ist. Je jünger, desto besser, je abgefahrener der Job, desto beeindruckender. Morgen bist du tot und träumst keine Träume mehr. Der deutsche Traum ist, dass man mit Punkt 50 keine Träume mehr hat. Schaffe, schaffe, Häusle baue. Das war’s. Bitte keinen Palast, ein Häusle reicht. Vorgarten, Apfelbaum, Tochter, Sohn. Alle Visionen unter einen muffigen Pullunder stecken und so lange ausharren, bis alle Sehnsüchte winselnd erstickt sind. Ich bin Schweizerin. Ich spreche nicht gern über Träume. Aber ich hätte schon gern einmal einen Tesla. Ein übles Teil mit 700 PS. Von null auf hundert in drei Sekunden, und das erst noch ohne Abgase, so fett. Leider weiss ich genau, dass ich das Auto dann tagsüber als 2011er Toyota Camry tarnen müsste, um an der Ampel nicht vor Scham zu sterben. Niemand soll doch wissen, dass ich 100 000 Euro für eine Karre ausgegeben habe! - Ich bin in einem Vorort von Zürich aufgewachsen. Das heisst, ich habe kein normales Verhältnis zu Besitz. Der Schweizer Traum ist es, nicht aufzufallen. Weder durch Besitz noch durch Bemerkungen. Keep it low, dann dürfen wir auch in den kommenden Kriegen aufs Gold aufpassen. Die helvetische Neutralität wirkt löblich, dabei befürchte ich, dass uns oft einfach der Mumm fehlt, wirklich unkonventionelle Ideen durchzusetzen. Hazel Brugger, Stand-up-Comedian, Moderatorin und Kolumnistin in: JETZT vom 18. April 2017


Teilen Sie die Einschätzung von Hazel Brugger über die Schweiz? Will ein Schweizer wirklich nicht, dass man sieht, dass er reich ist? Will er allenfalls, dass man spürt, dass er mehr hat, ohne jemals darüber zu sprechen? Oder, anders gefragt, fehlt uns Schweizern oft einfach das Selbstvertrauen oder der Mumm, wie Hazel Brugger es nennt, um unkonventionelle Ideen durchzusetzen? - Erörtern Sie das Thema und ziehen Sie bei Ihren Überlegungen auch praktische Beispiele heran.



6) Die Entdeckung der Langsamkeit
„Vor einiger Zeit war der Schriftsteller Pico Iyer zur Konferenz einer Werbeagentur nach Singapur eingeladen. »Trends von morgen« waren gefragt, und der viel reisende Iyer, der ständig zwischen den USA und Japan pendelt, sollte über globale Mobilität referieren. Doch bevor er dazu kam, wurde er mit einem Geständnis konfrontiert. »Kurz nach meiner Ankunft«, berichtet Iyer in der New York Times, »nahm mich der Chef der Werbeagentur zur Seite. Was ihn am meisten interessiere, so begann er – und ich stellte mich schon auf eine besonders geheimnisvolle Werbekampagne ein –, sei: die Stille. «
Stille? Kein Trubel, keine Show, kein aufgeblasenes Marketing-Event, sondern einfach nur mal abschalten und Ruhe geben? Ist das der neueste Trend? Gut möglich. Denn je hektischer die Zeiten, je schneller die digitale Kommunikation und je grösser der Drang, allzeit erreichbar zu sein, umso ausgeprägter wird der Wunsch, das alles einmal hinter sich zu lassen und abzuschalten. Und das gilt nicht nur für ruhebedürftige Werbechefs.
Häufig seien es gerade die kreativen Erfolgsmenschen, wie Pico Iyer erstaunt notiert, die sich vom Nachrichtenstrom abkoppelten und sich der permanenten Erreichbarkeit verweigerten. Manche legen übers Wochenende ein "Internet-Sabbatical" ein oder blocken per Freedom-Software stundenweise ihren Internetzugang, andere flüchten aufs Land, ins Kloster oder in eines jener teuren »black hole«-Hotels, in denen man gerade dafür bezahlt, keinen Fernseher im Zimmer zu haben und nicht erreichbar zu sein.
Klingt verrückt? Kaum weniger verrückt als der Schweizer Trendsetter Rolf Dobelli. Der Mitgründer der Firma getAbstract (die Managementwissen in komprimierter Form anbietet) hat sich radikal vom Nachrichtenrauschen abgekoppelt. Er habe sämtliche Zeitungs- und Zeitschriftenabos gekündigt, Radio und Fernseher entsorgt und die News-Apps von seinem iPhone gelöscht, berichtet Dobelli in seinem Bestseller zur Kunst des klugen Handelns. »Die ersten Wochen waren hart«, gesteht der Autor. »Sehr hart. Ständig hatte ich Angst, etwas zu verpassen. « Doch er habe durchgehalten. Denn die hektischen News seien ebenso störend wie irrelevant. Lieber habe er Bücher und Hintergrundartikel gelesen oder Gespräche mit Freunden geführt (echten, keinen Facebook-Freunden). Ergebnis? Heute, drei Jahre später, geniesse er »klareres Denken, wertvollere Einsichten, bessere Entscheidungen und viel mehr Zeit«. Und das Beste sei: Noch nie habe er etwas Wichtiges verpasst.“
(Quelle: „Einladung zur Langsamkeit“ in: „Die ZEIT“ vom 16.12.2015)

Setzen Sie sich mit diesem Textausschnitt auseinander und erörtern Sie den Stellenwert von Ruhe, Zeit und Musse in unserer Gesellschaft. Kann sich Zeit zu lassen Zeit sparen? Worin besteht die Schwierigkeit, das eigene Leben abzubremsen, obwohl viele unter dem Gefühl des Gehetztseins in unserer modernen „Beschleunigungsgesellschaft“ leiden?











Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen